Tagesarchiv für den 29. September 2010

Rund um die Uhr in Betrieb

29. September 2010

Menez Gwen (37° N / 31° W), 26. September 2011 – Auf einem Forschungsschiff wird rum um die Uhr gearbeitet, sieben Tage die Woche, für die gesamte Dauer der Ausfahrt. Jeder Tag muss best möglichst genutzt werden, denn eine Ausfahrt mit den großen deutschen Forschungsschiffen wie Meteor oder Maria S. Merian ist sehr teuer (etwa 35 000 € pro Tag) und die Planung und Logistik immens zeitaufwendig. Die Wissenschaftler planen eine Ausfahrt mehrere Jahre bevor sie tatsächlich stattfindet. Sie müssen zuerst einen 20-seitigen Antrag für die geplante Ausfahrt bei der Senatskommission für Ozeanographie der Deutschen Forschungsgemeinschaft einreichen. Dieser wird dann von mehreren Wissenschaftlern begutachtet, und etwa ein halbes Jahr später erfahren sie, ob der Antrag angenommen worden ist, oder ob sie diesen überarbeiten und erneut einreichen müssen. Ist eine Ausfahrt endlich genehmigt, beginnen etwa ein Jahr vorher die konkreten Vorbereitungen wie Treffen aller Fahrteilnehmer zur Planung der Versuche, regelmäßige Gespräche mit dem ROV Team zur Anpassung und Entwicklung der Geräte die mit Hilfe des ROVs in der Tiefsee eingesetzt werden sollen, Chemikalien und Geräte bestellen, Kisten packen, Zollformalitäten erledigen, Container und Luftfracht packen und verschicken, sowie Hin- und Rückflüge aller Wissenschaftler organisieren. Wir sind uns daher während der Ausfahrt ständig bewusst wie kostbar jede Stunde ist, und dass wir möglicherweise nie wieder die Möglichkeit bekommen werden, den gleichen Standort aufzusuchen und zu beproben.

Selbst der motivierteste Wissenschafter muss mal schlafen gehen, daher teilen wir uns die Arbeit im Schichtbetrieb ein. Der Tages- und Nachtrhythmus wird auf unserer Fahrt durch die Tauchzeiten des ROVs bestimmt. Im frühen Morgengrauen beginnt das ROV Team um 06:30 mit dem aufwendigen ‚predive check‘ um das ROV für den Tauchgang vorzubereiten. Gegen 7 Uhr bringen die Wissenschaftler, die entweder noch von ihrer Nachtschicht wach sind oder gerade erst aufgestanden sind, ihre Geräte zum ROV und machen diese tauchklar. Um 08:30 steht das ganze ROV Team an Deck um mit Hilfe der Decksmannschaft und der Brücke das ROV auszusetzen. Während des zwölfstündigen Tauchganges sitzen jeweils zwei ROV-Piloten und zwei Wissenschaftler im Controllvan (einem 20 Fuß Container mit der Steuerzentrale des ROVs) und wechseln sich in der Regel alle 3 – 4 Stunden ab. Zum Mittagessen tauchen die ersten Wissenschaftler, die die Nacht durchgearbeitet haben, wieder auf und essen dann zum Beispiel Schweinshaxen mit Knödel und Rotkohl zum ‚Frühstück‘. Am späten Nachmittag und frühen Abend sind dann fast alle wach, es werden Proben vom vorherigen Tauchgang zu Ende bearbeitet, oder Vorbereitungen für die Proben getroffen, die am Abend mit dem ROV hochkommen werden. Um 20 Uhr wird der ROV Tauchgang beendet und die halbe Stunde Zeit in der das ROV vom Meeresboden an die Oberfläche steigt nutzen wir, um uns alle zu treffen und den Tauchgang des nächsten Tages zu planen. Kaum ist das ROV sicher an Deck festgezurrt, stürzen sich die Wissenschaftler darauf, um ihre Proben so schnell wie möglich in die Bordlabore zu bringen und dort zu verarbeiten. Für viele beginnt jetzt erst richtig der Arbeitstag. Die Chemiker messen die ganze Nacht die Konzentrationen von Methan und anderen Gasen am Gas-Chromatographen, die Geologen sortieren die hochgebrachten Lavaproben oder erstellen Karten aus den während des Tauchganges aufgenommenen Bildern und Videos. Die Zoologen fixieren die Muscheln und andere Tiere auf verschiedenste Art und Weise, damit sie ihre Gene und Proteine nach der Ausfahrt in ihren Heimatlaboren untersuchen können und die Mikrobiologen übertragen die freilebenden und symbiontischen Bakterien in allerlei Medien um diese langfristig halten und kultivieren zu können. Gegen 2 bis 3 Uhr morgens wird einer zum Stullendienst in die Pantry geschickt und alle treffen sich kurz im großen Geolabor um in einer kurzen Verschnaufpause Unmengen von Käse- und Wurstbroten zu verschlingen, bevor es wieder im Labor weitergeht. Gegen 3 bis 4 Uhr gehen dann die ersten ins Bett, andere halten bis zum Frühstück um 7:30 durch und treffen dort die ersten gerade Aufgestandenen.

Wenn das ROV täglich taucht und Proben hochbringt, dann entsteht schon nach wenigen Tagen solcher Schichtarbeit ein gewisses „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Gefühl. Dann hilft nur eins, man legt sich für ein paar Stunden in eine Hängematte auf dem Peildeck und genießt, je nach Schicht, das blaue Meer und strahlende Sonne, oder das tiefdunkle Wasser und die leuchtenden Sterne.

Mit schönen Grüßen von der FS Meteor,

Ihre Nicole Dubilier

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